Vom Seepferdchen in die Schwimmspitze

Talente-Team der Sportstadt Leipzig: Para Schwimmer Marlon Jung im Interview

Herzlichen Glückwunsch: Neue Bestzeiten erreicht, Norm erfüllt und Nachwuchs-Kaderstatus (NK1) für 2026 bestätigt! Marlon Jung vom SSV Leutzsch hat bei den IDM (Internationale Deutsche Meisterschaften) im Para Schwimmen Mitte Juni überzeugt. Der 15-Jährige schlug in Berlin über die 100m Brust nach 1:17,14 an – damit belegte unser Talent im Finale der Jugendwertung Platz drei. Bei den nicht-paralympischen 200m Brust erreichte Jung mit 2:45,37 Minuten Platz zwei in der Jugendwertung sowie Platz drei in der nationalen Gesamtwertung.

Umso bemerkenswerter sind die Ergebnisse, da Brustschwimmen nicht gerade Marlons Lieblings-Schwimmstil ist. Doch der Reihe nach, denn auch diese Schwimm-Laufbahn begann natürlich mit Brustschwimmen.

Seepferdchen mit vier Jahren

„Ich habe mit vier Jahren Schwimmen gelernt und das Seepferdchen bestanden. Klar habe ich auch andere Sportarten ausprobiert, doch beim Schwimmen bin ich geblieben. Ich mag es, dass ich als Einzelkämpfer meine Leistungen erbringen muss und selbst für meine Ergebnisse verantwortlich bin“, sagt der 15-Jährige. „Beim Schwimmen kann man ganz bei sich sein. Das gefällt mir. Dazu kommt noch dieses besondere Gefühl der Schwerelosigkeit im Wasser.“

Seit der ersten Klasse misst sich Marlon bei Wettkämpfen. Der Sportgymnasiast trainiert 15 Mal pro Woche am qualifizierten Landesstützpunkt der Schwimm-Startgemeinschaft (SSG) Leipzig: Zehn Einheiten finden im Becken der Universitätsschwimmhalle statt. „Einige Einheiten sind sehr intensiv. Wir machen zum Beispiel auch Atem- und Sprinttraining. Mein Trainer stimmt die Einheiten in der Trainingsgruppe auf die anstehenden Wettkämpfe ab.“ Trotz des hohen Pensums leiden die Leistungen in der Schule nicht. Im Sportgymnasium werden die Klassen 9 bis 10 auf drei Jahre gestreckt, sodass Trainingszeiten, Trainingslager und Fehlzeiten wegen Wettkämpfen kompensiert werden können. In diesem Jahr standen bisher sieben Wettkämpfe auf dem Programm.

Martin Schulz als Ideengeber

Hervorzuheben ist, dass Marlon nicht nur im sogenannten DSV-Bereich startet – also im Leistungssport des Deutschen Schwimm-Verbandes –, sondern seit über einem Jahr auch bei paralympischen Wettkämpfen für den Deutschen Behindertensportverband. Dass er mit seiner angeborenen Fußfehlstellung – der Fuß ist nach innen verdreht und nach unten geneigt – im Parasport starten kann, war die Idee eines Leipziger Ausnahmeathleten: Triathlet Martin Schulz (Paralympicssieger, Welt- und Europameister) war der Initiator! „Martin kam letztes Jahr zu mir und meinte ‚Hey, du könntest doch auch Para schwimmen´. Und seitdem starte ich auch paralympisch, aktuell allerdings nur Brust.“ Dies ist einer dem Parasport anhängenden Besonderheit geschuldet, nämlich dem Klassifizierungssystem in Schadensklassen. Die Klassifizierung dient dazu, Sportler mit Behinderungen nach dem Grad ihrer Beeinträchtigung in Startklassen einzuteilen, um faire Wettkampfbedingungen zu gewährleisten.

„In den anderen Schwimmstilen wurde ich zuletzt nicht zugelassen. Ich starte in der Klasse 10, das heißt mit sehr geringen Einschränkungen. Dabei wird für jeden Schwimmstil eine andere Klassifizierung vorgenommen, da die Bewegungsabläufe und damit die Beeinträchtigung unterschiedlich sind“, erklärt er die Situation. „Wir warten erstmal ab. Demnächst kommt eine neue Klassifizierungsordnung und ich bin zuversichtlich, dann auch für die anderen Schwimmstile eingestuft zu werden.“ Bis dahin startet er „nur“ Brust und trainiert dafür verstärkt.

Erfolg liegt in der Familie

Mit dem Blick in die Zukunft sind die Ziele klar gesteckt: 2026 möchte Marlon bei den European Para Youth Games (EPYG) teilnehmen. Perspektivisch, wie es für einen Athleten im Leistungssportsystem sein soll, orientiert er sich Richtung Paralympics. Ob es für L.A. 2028 bereits reichen wird, entscheidet sich in den nächsten Jahren.

Wie es dann sein wird, sich auf höchstem Niveau in seiner Sportart zu beweisen, dafür muss Marlon lediglich im Familienalbum blättern. Denn die Familien Fischer und Jung sind eine wahre Sportdynastie. Mama Heike und Papa Alexander waren im Wasserspringen und Schwimmen erfolgreich: Heike Fischer-Jung gehört mit Olympia-Bronze 2008, WM-Silber 2007 und EM-Gold 2002 und 2004 zu Leipzigs erfolgreichsten Athletinnen. Ehemann Alexander Jung verdiente sich in der Schwimm-Nationalmannschaft. Oma Margit Schöpke (verheiratete Fischer) kehrte von der Europameisterschaft 1977 mit Gold vom 10-Meter-Turm zurück und formte genau wie Opa Uwe Fischer als Trainer den Nachwuchs. Bei Marlon verbinden sich somit gute Gene und Talent mit Fleiß und Disziplin zu einem hoffnungsvollen Nachwuchstalent der Sportstadt Leipzig.